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Oh Kurt, Du tragischer Held der deutschen Politik

Es ist aber auch zum Weinen für und mit Kurt Beck. Alle dreschen auf ihn ein und niemand hat ihn mehr lieb. Nicht mal sein Refugium in Rheinland-Pfalz bietet ihm die Zuneigung und heimische Wärme, die auch ein Politiker nötig hat. Es ist aber auch alles ganz schwer für Kurt Beck. Die Umfragewerte sinken ins Bodenlose, die Beliebtheitswerte sind unter jeglicher Kritik. Sich im Politbaromenter hinter Westerwelle, Schäuble und Beckstein zu finden, muss den Frustrationspegel in ungeahnte Höhen treiben. Die K-Frage wird jeden Tag neu diskutiert, obwohl doch im Prinzip besprochen war, dass im Moment keine Entscheidung gefällt wird. Der Seeheimer Kreis („SPD-Rechtsausleger“) zofft unentwegt mit der SPD-Linken um Andrea Nahles, diese Jeanne d’Arc der SPD, die kein Fettnäpfchen auslässt, welches ihr angeboten wird. So treffen sich Teile der SPD-Linken aus der sog. „Denkfabrik“ mit der Lafontaine-Linken im Restaurant Walden. Das Lokal im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ist der geeignete Ort für solch ein informelles Treffen. (Laut der Website zeigt die Entstehungsgeschichte schon die Marschrichtung. „Am 1. Mai 1998 wurde das Walden unter Tränengas und harten Kämpfen in Prenzlauer Berg eröffnet und feiert seitdem jährlich mit Konzert der Bolschewistischen Kurkapelle, leckerem Büfett, Tombola und Party bis die Polizei kommt. Der Name stammt von Herny David Thoreaus Roman „Walden – oder das Leben in den Wäldern“. Wir sind begeistert von diesem Werk, denn Thoreaus Lebensphilosophie entspricht der unseren.“)

In einem Lokal, das den zivilen Ungehorsam zum Programm hat, da kann ein solches Treffen natürlich irritieren und die SPD in eine erneute Debatte über den Umgang mit „Der Linken“ führen. Die Machtworte von Kurt Beck verhallen in solch einem Umfeld wie selbstverständlich. Spiegel Online vom 21.06.2008 macht heute am Vormittag mit einem Steinmeier-Putsch gegen Beck groß auf. Wer erinnert sich nicht an die „spontane“ Abwahl des Rheinland-Pfälzers Rudolf Scharping auf dem Parteitag in Mannheim 1995. Der Thronfolger hieß damals Oskar Lafontaine. Es scheint, als wiederhole sich die Geschichte doch, denn der zweite Rheinland-Pfälzer scheint an Oskar Lafontaine zu scheitern. Allerdings erklärt Kurt Beck den Kritikern den Kampf, so der Spiegel in seiner Online-Ausgabe. Gut, es erinnert mich an eine Kriegserklärung und das ist ja eher komisch in der eigenen Partei, aber die martiale Wortwahl scheint sich immer noch für Headlines zu eignen, Putsch auf der einen Seite, Kampf und Krieg auf der anderen. Wenn wir das politische Geschehen um die SPD gerade verfolgen, so ähnelt das schon einem Drama oder einer Tragödie, in der der sterbende Held mit dem Messer in der Brust (Übrigens eine Anleihe beim steirischen Landeshauptmann Voves (SPÖ) zur Fragen nach Gusenbauers Zukunft) noch 15 Seiten Text rezitiert. Beck wird es ähnlich gehen wie Gusenbauer 2008 in Österreich oder Schröder 2004 nach einer langen Phase des innerparteilichen Konflikts bezüglich der Aganda 2010, bei solchen Umfragewerten und so einer Aussenwirkung der SPD ist der Vorsitzende immer Schuld und wird wohl geopfert werden müssen. Der große Befreiungsschlag wird es genauso wenig werden wie die Wahl von Feymann als SPÖ-Vorsitzender letzte Woche. Die deutschsprachigen Sozialdemokraten gehen am Stock und keiner versteht warum. Die Themen und die Globalisierung sind wie gemacht für eine starke Sozialdemokratie. In vielen Ländern der Welt zeigt sich die Tendenz nach Links eindeutig, dies wird in Deutschland aber eher der Linkspartei um Lafontaine und Gysi zugetraut. Das Vertrauen in die SPD ist kaputt und die Politiker tun auch gar nichts, um dieses Vertrauen wieder herzustellen. Sie agieren wie die kopflosen Hühner und rennen wild gackernd durch das politische Deutschland. Die Globalisierung hat zumindest in Deutschland die SPD auf dem Gewissen. Der Reformdruck war anscheinend so stark, dass sich die SPD von den Folgen der Agenda 2010 und Schröder nur sehr langsam und mühsam erholen kann. Die Union ist nicht viel besser unterwegs, Merkel wird innerparteilich demontiert und die CSU um Huber und Beckstein will ihren Kopf vor der Bayernwahl retten. Eigentlich bieten die Großkoalitionäre ein jämmerliches Schauspiel, welches allerdings dem Hang zu Daily-Soaps und Realiy-TV sehr gut entspricht. Vielleicht, beschleicht es mich des Nächtens öfters, bekommen wir ja wirklich die Politiker, die wir verdienen oder sind unsere Politiker nur ein Spiegelbild der Mehrheit in Deutschland? Mir bleibt nur das Zitat von Heinrich Heine: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!“

Die Lösung, die Lösung wollen wir hören, werde ich immer aufgefordert, wenn ich in Diskussionen meine Meinung zum Besten gebe. Tja, da waren sie wieder meine Probleme. Die Lösung gibt es nicht. Demokratie lebt vom Mitmachen und sind wir ehrlich, wer will schon mitmachen bei diesem Spiel. Die wenigsten sind bereit, sich einzubringen, sich zu engagieren und für ihre Positionen zu kämpfen. Wir alle sind wie die Fussballexperten, die auf der Tribüne ganz genau wissen, wie dieses Spiel hätte gewonnen werden müssen. Die Lösung heißt für mich: immer wieder meine Meinung sagen, mein Verhalten zu überprüfen und mich aktiv einzumischen. Walk the way you talk bedeutet für mich, dass ich versuche, den kategorischen Imperativ nach Kant täglich mit Leben zu erfüllen.

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